der Villa Otrang

Die Entdeckung der Villa von Otrang reicht bis zum beginn des 19. Jh. zurück. Unweit Bitburg, nahe der römischen Fernstraße Trier-Köln, kamen die Überreste prachtvoller Mosaike zu tage. Die preußische Regierung erwarb das Gelände und ließ vorläufige Schutzbauten errichten.
Auf seiner Reise durch die Rheinprovinz besuchte der spätere König Friedrich Wilhelm IV. 1838 die Fundstelle. Er unterstützte wohl auch die in den Jahren 1838/39 vorgenommenen Sanierungsmaßnahmen und die Errichtung neuer Schutzhäuser. Dadurch konnten von den mindestens dreizehn entdeckten Mosaiken vier an Ort und Stelle erhalten werden. Die Schutzbauten wurden schließlich 1984 selbst unter Denkmalschutz gestellt. 


In den Jahren 1873/74 wurde der westlich der Villa gelegenen Wirtschaftshof mit den Gebäuden an seiner Südseite sowie zwei Tempel auf der gegenüberliegenden Talseite entdeckt. Diese Fundstelle war unter dem Namen Oterancum oder Aterancum bekannt und gab dem gesamten Gelände und der Villa den Namen. Erst 1925 und 1929 wurde auf der nördlichen Seite des Wirtschaftshofes gegraben, wo drei weitere Nebengebäude entdeckt wurden. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland ging das Denkmal in den Besitz von Rheinland-Pfalz über. Ab 1962 nahm das Landesamtes für Denkmalpflege mit Hilfe des Rheinischen Landesmuseums Trier grundlegende Sanierungsarbeiten vor. H. Cüppers ließ die Mosaike heben und nach Erneuerung der Fundamente und Mauern wieder verlegen. Es entstand ein zusätzlicher Schutzbau über dem Becken eines Nebengebäudes. An der südlichen Front wurden zwei Drittel eines langgezogenen Kellers (Kryptoporticus) wieder aufgebaut und über ihm eine Terrasse angelegt. Im Hauptgebäude mauerte man ein Großteil der Grundmauern soweit auf, dass sie für den Besucher zu erkennen sind. 

 

Der Begriff Villa unterscheidet sich im römischen Verständnis grundlegend von dem, was wir heute damit verbinden. In der Antike war nicht eine bestimmte Hausform, sondern die Nutzung des Gebäudes und zugehörigen Landes namengebend. Villen waren nichts anderes als Bauernhöfe unterschiedlicher Größe. Nach der Eroberung Galliens blieben die einheimischen Kelten an den alten Siedlungsplätzen zusammen, nahmen die römische Kultur auf und vermischten sie mit ihren eigenen Traditionen. Sie entwickelten die so genannte "gallo-römische Villa". Zu diesem Typus zählt auch das in Fließem/Otrang freigelegte Landgut. Gehöfte dieser Art bestanden aus einem Hauptgebäude und zahlreichen Nebengebäuden, die alle innerhalb eines eingefriedeten Wirtschaftshofes lagen. Im großen Hauptgebäude wohnte der Besitzer mit seiner Familie und den Bediensteten.. Die Hofgebäude nahmen neben den notwendigen Einrichtungen zur Produktion wie Remisen, Scheunen, Darren, Kelteranlagen, Ställen usw. auch handwerkliche Einrichtungen wie Schmieden oder Schreinereien auf. 



 

 

Typus der Villa

 

Das Herrenhaus hat eine charakteristische Form, die man als Risalit-Villa bezeichnet: Im Zentrum des Hauses befand sich ein großer Hauptraum, um den sich die einzelnen Nebenräume gruppierten, in der Eingangsfront war diesem Hauptkomplex eine überdachte Säulenhalle, eine Porticus, vorgelagert. An den Seiten begrenzten sie zwei vorspringende Flügel, Risalite genannt. So ergab sich als einfachste Grundrissform ein leicht U-förmiges Gebäude mit drei Flügeln. Von dieser Grundform konnte es, wie so häufig in der römischen Architektur, zahlreiche Variationen und Abweichungen geben. In Otrang haben wir im Kern eine Risalit-Villa vor uns. Doch sie war wohl von Beginn an von vier Risaliten flankiert. Der Erbauer hatte nicht nur an der Vorderseite, sondern auch an der Rückseite eine Säulenhalle mit seitlichen Vorbauten errichten lassen. 

Wie die meisten Landhäuser wurde auch dieses im Laufe der Zeit umgebaut und erweitert. Die Ausgrabung der Villa erfolgte zu einer Zeit, in der die heute gängigen wissenschaftlichen Grabungsmethoden mit detaillierten Zeichnungen und Fundzuweisungen noch nicht bekannt waren. So sind wir im wesentlichen auf die von den ersten Ausgräbern gemachten und nicht immer näher begründeten Deutungen angewiesen. Es spricht vieles für drei größere Bauphasen. Der ersten Phase wird der gesamte Kernbau mit der westlichen und östlichen Porticus und den jeweiligen Risaliten, zugewiesen. Über die Form des Gebäudes im Norden bestehen in der Forschung unterschiedliche Ansichten. Die Flucht der Räume 13 bis 18 konnte eine jüngere Erweiterung, oder ein Umbau bereits vorhandener Räume sein. Vermutlich entstand dieser Bau zu Beginn des I. Jh. n. Chr. an einem bereits in vorrömischer Zeit besiedelten Ort. Ein erstes Bad ist erst nachträglich in einem bestehenden Raum eingerichtet worden. 

Die zweite Phase ist durch den Bau des großen Bades gekennzeichnet. Da die Front durch die Vergrößerung des Risaliten ihr Gleichgewicht verloren hätte, wurde auch der südwestliche gesamte Risalit vergrößert und erneuert. Zwei Mosaike aus den Räumen 49-51 können in die zweite Hälfte des 2. Jh. datiert werden und gehören wohl zur zweiten Phase. Die dritte Phase bringt den repräsentativen Ausbau der West- und Südfronten mit sich. Auf der Südseite wurden die beiden Risalite großzügig erweitert und mit einer Säulenhalle verbunden. Für die weit vorspringenden, nur noch an den Ecken den Kernbau berührenden Risalite wurden wegen der Hanglage kräftige Fundamente notwendig. Die beiden Risalite verband eine Porticus, die auf einer Kryptoporticus. einem langgestreckten Keller aufsaß. Der Eingang blieb aber im Westen. Um die durch den neuen Risaliten im Südwesten gestörte Symmetrie wieder herzustellen, wurde an der Nordwestecke ebenfalls ein neuer Risalit mit einem halbrunden, seitlichen Pavillon angebaut. 

Durch diese Maßnahme entstand zudem vor dem alten Eingangshof ein neuer. Die geringsten Umbauten dieser Zeit erfolgten wohl im Nord-ostrisalit durch das Ansetzen der Apsis an den Mosaikraum. Zu dieser letzten Ausbauphase gehören alle Mosaike bis auf zwei. Nach ihrer Entstehungszeit kann diese Erweiterung in das beginnende 5. Jh. n. Chr. datiert werden. Die Villa war bis mindestens ins 4. Jh. n. Chr. bewohnt und auch nach der fränkischen Eroberung wurde sie noch aufgesucht.